TANZ AUS NRW IN NRW UND DARÜBER HINAUS SICHTBAR MACHEN





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TANZweb.org


Recherche, Arbeitsprozesse und Auseinandersetzungen im und mit dem TANZ und vor Allem die daraus entstehenden Werke und die damit verbundenen Künstlerpersönlichkeiten sichtbar und erlebbar zu machen, ist eines der zentralen Themen von SEEDance, der Trägergesellschaft von TANZweb.org.


Das Schreiben von TANZ und die Interpretation dieser "Texte" und deren Autoren durch die Tanzkünstler (aber auch die Rezeption dessen in Wort und Bild) liefern Gesellschaften und Individuen gleichermaßen authentische Ansätze für Gestaltungs- und Überlebensstrategien des Einzelnen in einer zeitgenössischen Wirklichkeit und der Fiktion und Vorbereitung einer nahen Zukunft.


Die Kunstform TANZ konzentriert sich weitgehend auf die letzte Bastion des Individuums zur Bestimmung seiner Identität in einer globalen und weitgehend virtuellen Welt: den eigenen Körper und dessen unverwechselbare Abgrenzung, Dynamik und Bewegung in Raum und Zeit.


Aufbauend auf die Erfahrungen und Erfolge von tanZwebkoeln.de soll beginnend in 2014 mit der konsequenten Ausweitung zunächst auf die südliche Rheinschiene, sukzessive das proklamierte Tanzland NRW in seinen einzelnen Hochburgen, Zentren und Ballungsgebieten erfasst und begleitet werden.


Das NRW KULTURsekretariat (Wuppertal) | Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen fördert die Sichtbarmachung von Tanzstädten und -regionen in NRW in Kooperation mit TANZweb.org


Als Ziel haben wir uns als Unternehmen TANZweb.org, gemeinsam mit privaten Mäzenen und Förderern, vorgenommen, das "TANZwebNRW.de" (und darüber hinaus) in naher Zukunft in ein europäisches Netzwerk einzubinden.

 

NRW

DIE HÖLLE/INFERNO - REISE INS INNERE
Frei nach Dante Alighieri, Fassung von Thomas Braus
Inszenierung: Johann Kresnik mit THOMAS BRAUS
WIEDER AM 30.JUNI, Opernhaus unterm Dach



»Du bist nicht tot. Du kommst auf einem andren Weg, aus anderen Häfen zum Ufer, nicht hier. Nur so kommst du dahin, wo du kannst, was du willst.« Dante

Mit der Adaption von Dantes ›Die Hölle/Inferno – Reise ins Innere‹ erwartet Sie eine Produktion von ganz besonderer Sprengkraft: Johann Kresnik, einer der ganz großen Theaterchoreografen und Regisseure unserer Zeit arbeitet zum ersten Mal am Schauspiel Wuppertal. Gemeinsam mit Thomas Braus entsteht unter der Kuppel des Opernhauses eine Irrfahrt des heutigen Menschen zu sich selbst, durch die Krisis, durch die Hölle, unterwegs zur Erkenntnis. Eine gültige Menschenbetrachtung. 


Aufführungsdauer: ca. 70 Minuten





















DIE HÖLLE/INFERNO - REISE INS INNERE

ADOLPHE BINDER UND DAS

TANZTHEATER WUPPERTAL PINA BAUSCH


Die neue Intendantin und Künstlerische Leiterin, Adolphe Binder, stellte am vergangenen Freitag die 44. Spielzei des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch vor.


Mit Spannung erwartet und daher von einem grossen Medien-Aufgebot begleitet, konkretisierte Binder nicht nur die Eckpfeiler der kommenden Spielzeit, die gleichzeitig ihre erste sein wird, sondern skizzierte auch die inhaltlichen und strukturellen Elemente ihrer Intendanz für die kommenden Jahre. (Ihr Vertrag läuft vorläufig bis zum 31.7.2022)


„Ich bin aufgeregt“, bekannte die erfahrene Kulturmanagerin, die 1969 in Rumänien geboren wurde und in Deutschland aufgewachsen ist. In Hannover und Harvard hat sie Deutsche Literatur, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert und in 2002 bis zur Auflösung in 2004 die künstlerische Leitung des Berlin Balletts der Komischen Oper Berlin übernommen. Seit 2011 übte sie diese Position an der „GöteborgsOperans Danskompani“ aus.


(Siehe auch Pressekonferenz des letzten Jahres)


Binder bekannte sich gleich eingangs der Pressekonferenz zur Kontinuität, indem sie betonte, „den Kern werden immer die Arbeiten von Pina Bausch bilden“ und „man braucht schon einen sehr guten Grund,  warum man überhaupt etwas zu diesem phänomenalen Werk hinzufügen möchte“, und sie bekennt sich ebenso eindeutig zu ihrem herausragenden Ensemble: „Das gibt es sonst nirgendwo, dass ein Tanzensemble aus drei Generationen besteht“.



©TANZweb.org_Klaus Dilger_ARIEN Pina Bausch


Sie ist sich bewusst, dass hierin auch eine grosse Herausforderung liegt und nennt das Beispiel der Wiederaufnahme von „ARIEN“, die bereits als erste Produktion in ihrer Intendanz angesehen werden darf, wo Künstler aufeinandertreffen, die bereits seit Jahrzehnten dabei sind und solche, die gerade erst dazugekommen sind.


Eine Herausforderung, die es auch für die Wiederaufnahmen in Wuppertal zu meistern gilt: „ 1980 – Ein Stück von Pina Bausch“ aus dem Jahr 1980 (im November 2017), „Die sieben Totsünden“ aus dem Jahr 1976 (im Januar 2018) und „Masurca Fogo“, 1998 entstanden (im März 2018), das einzige Stück der Wiederaufnahmen im Übrigen, zu dem zum jetzigen Zeitpunkt die Besetzungsliste bekannt gegeben wurde.


Bereits in der kommenden Woche wird das gesamte, 37 Tänzerinnen und Tänzer umfassende Ensemble in einem gegenseitigen „Kennenlern-Workshop“ dann mit den beiden Künstlern zusammentreffen, die erstmals je eine abendfüllende Kreation mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch erarbeiten werden, die nicht von der Gründerin und Namengeberin stammt und die zusammen mit dem 46 Stücke umfassenden Werk der Choreographie-Ikone in das Repertoire der Compagnie eingehen sollen.

Der aus Griechenland stammende Dimitris Papaioannou* und der Norweger Alan Lucien Øyen**, die wir den Lesern jeweils getrennt vorstellen wollen, werden im Mai, bzw. Juni 2018 mit jeweils maximal dem halben Ensemble in Wuppertal dann „Neues Stück I“ und „Neues Stück II“ präsentieren. WEITERLESEN


 

Seelenspuk im Hotelzimmer


„ANIMA“ VON EMANUELE SOAVI UND MERITXELL AUMEDES MOLINERO IM KÖLNER MIDTOWN HOTEL


Nachtkritik von Nicole Strecker


HIER GEHT ES ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN

 

Seltsamer Spuk: Vorhänge flattern als husche eine Schar Geister hindurch. In einem kleinen stickigen Hotelzimmer zeigt der Fernsehbildschirm nicht etwa ein gemütliches Fake-Feuerchen oder einen Willkommensgruß, sondern einen Mann, der sich offenbar in einer mit grau-schlickigem Wasser gefüllten Badewanne ertränken möchte. Und in einem anderen Zimmer liegt eine Frau wie tot auf einem Bett, halbnackt, die Brüste mit Verbandsmull umwickelt. Im frisch renovierten, aber noch nicht offiziell eröffneten Midtown Hotel mitten auf den Kölner Ringen hausen derzeit uralte Seelen und durchleben mehrmals am Abend den ewigen Schmerz des gebrochenen Herzens.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

„Anima“, so der Titel der neuen Produktion von Choreograf Emanuele Soavi, führt die Zuschauer durch mehrere Zimmer, Flure und Etagen des Hotels. Dort begegnen sie surrealen Filmbildern, Installationen und den beiden Performern Soavi und Meritxell Aumedes Molinero, die in Tanzszenen die Tragik einer geheimnisvollen Beziehung offenbaren. Ein Horrortrip über die ewig menschliche Ahnung, dass es eben doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als die Schulweisheit sich träumt. Bedrückend intim und beunruhigend als wäre man in einem Albtraumfilm von David Lynch.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

Die experimentelle Performance ist Teil von Soavis Serie „The Habit Cycles“, in denen er die gleichberechtigte Kollaboration mit einem Künstlerkollegen sucht. So entstanden bereits Stücke mit der Tanztheater-Legende Susanne Linke, dem Kölner Theaterregisseur Daniel Schüßler und zuletzt mit dem renommierten Tanzfotografen Joris-Jan Bos. Dessen fantastische Dokumentationen von Emanuele Soavis Arbeiten sind derzeit in einer Ausstellung in der Kölner Galerie Freiraum zu sehen (noch bis zum 11. Juli) – auch das eine Initiative von Soavi, der mit ungebrochener Energie Stadttheater oder freie Theater bespielt, Kinderstücke und Soli für sich selbst entwickelt, eine Mythen-Trilogie choreografierte und nun: „Anima“, ein Site-specific-Projekt in einem halbfertigen Hotel, gemeinsam mit der spanischen Video- und Performance-Künstlerin Meritxell Aumedes Molinero.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

Zwei junge Frauen nehmen die Zuschauer in der Lobby in Empfang. Sie sind zwei ausnehmend charmante „Charon-Grazien“ schließlich gibt es schon im Mythos keinen Gang in Unter- und Zwischenwelten ohne einen Führer. Erste Station: Ein dunkles leeres Zimmer. Kabel ragen stachelig aus der Wand, Licht kommt nur von einem brummenden Projektor. Hier stehen sich Molinero und Soavi gegenüber und hauchen in ihre Handys als wollten sie die „Android“-Geräte beseelen. Überhaupt sind Smartphones das Medium der Wahl an diesem Abend. An allen Stationen liegen sie bereit und knistern, rauschen, rascheln vor sich hin als seien sie mit paranormalen Welten verbunden.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

Zunächst aber ist es der Atem der Performer, der dank Handy-Verstärkung mächtig durch das winzige Zimmer braust. Ein Video zeigt zwei Körper, Mann und Frau, die sich ein Outfit teilen. Ein Liebespaar? Eine Psychofantasie? Hände verknoten sich, rutschen erotisch auf Hüfthöhe. Sie ziehen sich den gemeinsam getragenen Rollkragenpullover über das Gesicht, winden sich im Stretchstoff als amorphe Gestalt wie einst Martha Graham in ihrem weltberühmten Trauersolo „Lamentation“, die schon damals durch das enge Schlauchgewand eine namenlose Qual illustrierte, die sich im Körper ausdehnt, ihn obsessiv besetzt, nicht aus der Haut kann. Und bald offenbart sich auch die rätselhafte Tragik dieses Paares.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, dichtete Goethe, und meinte er noch die Zerrissenheit zwischen hellen und dunklen Mächten, so erzählen Molinero-Soavi nun von zwei Seelen, einer männlichen, einer weiblichen, die eins waren, doch getrennt wurden. Ab jetzt werden die Zuschauer in zwei Gruppen durch das Hotel geführt, begegnen mal Soavi, mal Molinero in gesonderten Zimmern und in grauenvoll verlorenen Zuständen.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

Im Zimmer des männlichen Tänzers sind die Vorhänge fest zugezogen, die Luft ist drückend-heiß, weiße Lilien in einer Vase verströmen süßlichen Duft. Soavi schlägt sich schmerzhaft hart auf die Brust bis ein leuchtend roter Fleck entsteht. Er zieht sich einen Chirurgenschürze über, entnimmt einer Kühlbox einen glänzenden Fleischklumpen, der wie ein Herz aussieht und näht mit gruselig dicken Nadeln einen Riss im Fleisch zusammen. Im engen Zimmer mischt sich der Geruch von Fleisch, Schweiß und Blumen, viel zu nah kommt man als Publikum dem Schmerzens-Wahnsinn dieses Mannes. Doch kaum hat man im Flur einmal durchgeatmet, führt  die verführerische ‘Fährfrau’ die Zuschauer in die nächste Hölle, zu Meritxell Aumedes Molinero.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

In ihrem Raum stehen überall in den Regalen Glasglocken mit Schmetterlingen auf Zweigen – ein morbides Setting, schließlich galt das Insekt schon in der Antike als Seele der Toten. Molinero zappelt auf dem Bett, ihr Körper bäumt sich auf als wolle ihre Schmetterlingsseele davonflattern. Am Ende ihrer kurzen intensiven Szene steht sie tatsächlich am geöffneten Fenster, auf ihrem nackten Rücken kleben zarte Schmetterlinge mit zitternden Flügeln als wollten sie ihren Leib in die Lüfte heben.

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

So skurril die Idee zunächst scheint, ein Hotel zum Schauplatz einer Seelen-Performance zu machen, so großartig lösen Molinero/Soavi sie ein: In der Beengtheit  der Zimmer, den verwirrend ähnlich gestalteten Fluren mit ihren geräusche-schluckenden Teppichen, der halbdunkel-verwinkelten Architektur stellt sich tatsächlich bald das Gefühl ein, man habe sich in einem Gemälde von Edward Hopper verirrt. Und mit einem sensibel gesponnenen Gewebe aus alten Seelensymbolen, schwarzer Romantik und heutigem Mystery-Flair entsendet das Performer-Duo seine untoten „Anima“ wie auch seine Zuschauer in eine beunruhigende Transitzone – verloren zwischen Diesseits und Jenseits.